Die nächsten vier Tage brauchte Fin also nicht zum Tierarzt und wir beobachteten, wie er sich machte. Der Stuhlgang normalisierte sich wieder und er hatte nur noch erhöhte Temperatur, kein hohes Fieber mehr! Endlich ging es wieder bergauf und wir dachten, dass endlich alles gut wird!
Ende der Woche mussten wir leider doch wieder hin, da die Atmung immer noch schlecht war. Eine Kotprobe gaben wir auch ab, diese war ok. Die Tierärztin aber fiel fast hinten über, Fin sah spitze aus! Er hatte zugenommen, sein Fell glänzte, sein Blick war viel wacher und aufmerksamer…leider täuschte dieser Eindruck.
Da endlich geklärt werden musste, was mit der Lunge ist, wurde eine Röntgenaufnahme gemacht. Als wir diese zu sehen bekamen, blieb mir schlicht der Mund offen stehen und ich hatte die ersten Tränen in den Augen. Fins Lunge war nahezu komplett mit Flüssigkeit gefüllt, das Herz und der linke Lungenflügel waren nicht zu sehen, es war nur noch ein kleiner Fleck Luft zu erkennen. Das durfte einfach nicht sein! Wieder fiel der Begriff FIP…
Die Tierärztin meinte, man könnte es mit Entwässerung versuchen, aber eigentlich wollte sie sagen, tut mir leid, nichts mehr zu machen… Wir sagten nichts aber natürlich machten wir weiter! Fin bekam ein Entwässerungsmittel gespritzt (Dimazon) und wir bekamen es in Tablettenform mit.
Zu Hause angekommen setzte ich mich aufs Sofa und fing an zu heulen. Ich wusste einfach, dass mein kleiner Kater sterben wird. Wie sollte er das überleben? Wie sollte so eine Entwässerungstablette die ganze Flüssigkeit aus der Lunge bekommen, und das auch noch schnell? Das konnte nichts werden…
Doch schon nach kurzer Zeit zeigte die Spritze Wirkung. Er pullerte und pullerte und ich fasste neuen Mut. Schon am nächsten Tag musste ich aber feststellen, dass die Tabletten kaum eine Wirkung zeigten. Also ging ich am Montag mit Fin zum Tierarzt, um mir zeigen zu lassen, wie man spritzt, das klappte auch ganz gut. Da eine Verbesserung allerdings nicht zu erkennen war, wurde mir dringend geraten, in die Klinik zu fahren.
Am Folgetag bekam er weiter Antibiotika und ich spritzte ihm das Entwässerungsmittel.
Am nächsten Tag machte ich mich morgens auf in die Klinik. Ich war noch ganz gut drauf, schließlich sollte nun endlich eine Ursache gefunden werden! Die Kleintierklinik Düppel kannte ich aus der Sendung „Menschen, Tiere und Doktoren“ und ich war sehr gespannt darauf. Von einigen Tierhaltern hatte ich zwar schlechte Kritiken gelesen, aber das kommt wohl auch immer darauf an, ob die Behandlung erfolgreich war.
In der S-Bahn saß eine Familie mit zwei Kindern. Die Kinder schauten ganz neugierig in die Box. Ich wollte sie grade bitten nicht zu dicht heranzugehen, da sprach der Papa die beiden schon an und übernahm das für mich. Glaubt es oder nicht, ich weiß bis heute nicht, wie ich das einordnen soll, aber es war so; die beiden Kinder hießen Finn und Maja…..
Am diesem Tag gab es keine Sprechstunde. Nur festgelegte Termin und die Notfallpraxis. Ich machte mich also auf sehr lange Wartezeiten gefasst. Tatsächlich befanden sich ca. 20 Hunde(!) im Wartezimmer und mir wurde ganz anders… Wie ichs schon gehört hatte, war die Aufnahmeprozedur tatsächlich sehr langwierig. Für Empfang und Kasse gab es nur eine Kraft und die machte zwischendurch auch noch irgendwelche anderen Dinge. Ich stand mit Fin also 30 Minuten bei der Anmeldung an, vor mir Hunde, hinter mir Hunde. Das war nicht besonders glücklich. Fin kannte Hunde zwar aus seinem Züchterzuhause, aber bei fremden Hunden weiß man ja nie…Ich kam dann dran und musste einen Anmeldebogen ausfüllen. Es gab keine Probleme, weil ich in die Notfallsprechstunde wollte, das wurde direkt akzeptiert. Ich wartete dann keine fünf Minuten, dann war ich schon dran. Ich zeigte dem Ärzteteam die Unterlagen, die ich von unserer Tierärztin mitbekommen hatte. Da das Röntgenbild und das Blutbild schon einige Tage alt waren, sollte beides wiederholt werden. Der Arzt wollte zuerst Blut abnehmen. Da klappte aber nicht, aus dem Beinchen war einfach kein Blut zu bekommen. Er versuchte es noch am Hals, aber das machte Fin nicht mit. Er schickte uns also zunächst zum Röntgen. Jemand holte ihn dann ab, denn in den Raum durfte ich nicht mit. Ich saß also allein im Wartezimmer und hoffte, dass es nicht zu lange dauert, denn zum Röntgen muss er ja gestreckt werden, bekommt also noch weniger Luft als so schon. Die Bilder sahen noch schlimmer aus, als das erste, kaum noch ein Luftfleck zu sehen.
Der Arzt hatte die Flüssigkeit aus Fins Lunge punktiert und zeigte sie mir. Sie war gelblich. Er sagte er vermute FIP, aber er wolle zuerst die Flüssigkeit noch untersuchen. Ich ging also mit Fin zurück ins Wartezimmer vom Anfang und musste quälende 50 Minuten auf das Ergebnis warten. Ich saß da und betete für eine andere Diagnose, irgendwas, nur nicht FIP, irgendwas, dass sich behandeln lässt, nur nicht FIP… Ich hörte den anderen Tierhaltern zu und beneidete sie um die „Kleinigkeiten“, wegen denen sie da waren. Blöde Zahnsteinentfernungen, ein bisschen Durchfall, jemand kam mit einer gefundenen Fledermaus… Ich wurde auch angesprochen; ach Sie haben ja eine Katze, wie alt ist sie denn, was hat sie denn. Ich sagte mein Kater ist vier Monate alt und hat eine tödliche Viruskrankheit, dann war immer Ruhe.
Ich wurde wieder hereingerufen und ich wurde in einen Nebenraum gebeten, da wusste ich schon, was es war. Es war also FIP. Der Arzt zeigte mir noch die Ergebnisse aus dem Labor: Der Proteingehalt war extrem erhöht (6,6) und die Rivaltaprobe positiv.
Mit wurde geraten, meinen Kater zu erlösen.
Da stand ich nun, sah meinen Kleinen an und wusste nicht, was ich tun sollte. Erlösen? Jetzt?? Ich konnte ihn doch nicht einfach da lassen!! Ich brachte grad noch heraus, dass ich ihn wieder mitnehmen möchte, dass ich auch erst mit der Züchterin reden muss und mit meiner Tierärztin. Der Arzt wollte sie anrufen und das direkt klären. Hallo?? Nein! Ich brubbelte irgendwas, die Züchterin wäre um die Uhrzeit gar nicht zu erreichen aber bei unserer Tierärztin rief er an. Ich stand also wieder mit Fin allein da und wusste nicht, was ich machen sollte. Am liebsten wollte ich losschreien oder einfach bewusstlos werden.
Der Arzt kam zurück, er hatte unsere Tierärztin informiert und erwartete wohl, dass ich nun das OK gebe. Ich sagte, dass ich ihn wieder mitnehme und er die Kanüle entfernen soll. Er sagte noch, ich soll nicht zu lange warten.
Zu Hause angekommen, ließ ich Fin aus der Box und bekam es grade noch hin meinem Freund von der Diagnose zu erzählen. Dann heulte ich einfach nur noch. In meinem Kopf waren tausend Gedanken. Das sollte also der letzte Tag mit meinem kleinen Fin sein. Ich konnte ihn doch nicht einfach zum Tierarzt bringen und das wars dann! Mein Freund wollte das am nächsten Tag machen, wenn ich auf der Arbeit bin. Wir mussten noch Fins Züchterin informieren, das machte mein Freund, ich konnte es nicht aussprechen. Sie brach sofort in Tränen aus und konnte gar nichts mehr sagen…
Am nächsten Morgen verabschiedete ich mich von Fin und quälte mich zur Arbeit. Arbeiten konnte ich jedoch nicht. Ich durchsuchte den ganzen Tag das Internet in der Hoffnung, doch noch eine andere Lösung zu finden. Ich hatte mich in den knapp drei Wochen viel mit der Krankheit beschäftigt und von vielen Fehldiagnosen gelesen, da musste sich doch was finden lassen! Ich mailte eine befreundete Züchterin an und bat um Hilfe. Sie antwortete schnell, auf gar keinen Fall einschläfern lassen! Sie schrieb ein paar Dinge, die wir unternehmen sollen und ich schrieb meinem Freund, dass er auf gar keinen Fall mit Fin zum Tierarzt gehen sollte! Wieder fasste ich Mut, wir konnten ihn retten! In einem Internetforum, in dem man alles Mögliche fragen kann, bat ich einen Tierarzt um Hilfe. Er nannte mir eine Krankheit, die durch Spulwürmer ausgelöst wird und ähnliche Symptome hat. Das was es doch! In der Zeit ging mein Freund noch einmal zu unserer Tierärztin, fragte sie nach dieser Krankheit und danach, was man wegen der Flüssigkeit machen konnte.
Die Züchterin fand jedoch nichts anderes und unsere Tierärztin kannte die genannte Krankheit nicht, fand auch keine Informationen darüber.
Am Abend wussten wir nicht mehr weiter, die Diagnose war einfach zu eindeutig und es fand sich keine Lösung. Fin saß wie immer auf meinem Laptop. Er wusste nicht mehr, wie er liegen oder sitzen soll, da er kaum Luft bekam. Er stand auch nur noch auf, um zu fressen oder aufs Klo zu gehen. Wir mussten einsehen, dass es keinen Sinn mehr machte, er quälte sich, wir mussten ihn gehen lassen.
In dieser Nacht schlief Fin wieder auf meinem Rücken, das hatte er oft gemacht. Am Morgen verabschiedete ich mich und quälte mich wieder zur Arbeit. Da sehr viel zu tun war, konnte ich mich ein wenig ablenken, aber nur bis 10 Uhr. Ab da war unsere Tierärztin in der Praxis. Da ich nicht wusste, wann mein Freund zu ihr geht, saß ich ab 10 Uhr im Büro und wusste nicht, ob mein kleiner Kater noch lebt. Dann bekam ich eine SMS: Er hatte einen Termin außerhalb der Sprechzeiten gemacht, wenn ich doch mitwolle, schiebt er ihn nochmal. Nun kannte ich also auch die Uhrzeit. Nun ging gar nichts mehr. Ich zählte die Stunden; noch vier Stunden zu leben, noch 3, noch 2… Ich konnte nicht mehr, nahm meinen Mut zusammen und erzählte meinem Chef, was los war. Ich durfte eher gehen, sodass ich zum Termin da sein konnte.
Ich kam gerade noch rechtzeitig, mein Freund war schon auf dem Weg. Dieses Bild werde ich niemals vergessen. Er hatte sich den Fuß gebrochen, er humpelte, in einer Hand eine Krücke, in der anderen Hand die Box mit Fin. Ich holte ihn ein und brachte gerade so ein Hallo heraus. Dann sagte keiner mehr was. Die Tierärztin sagte noch, dass wir ihn obduzieren lassen könnten, um ganz sicher zu sein, dass es sich um FIP handelt. Sie stellte dann aber fest, dass Fin die Flüssigkeit schon im Bauch hatte, das sei nun so eindeutig, dass die Obduktion nicht nötig wäre. Dann schlief er ein.