Als ich mich hier angemeldet und erzählt habe, dass ich meinen beiden Kitten zukünftig Freigang ermöglichen möchte, wurde mir hier im Forum dringend davon abgeraten. Zugegeben, die Voraussetzungen klingen nicht optimal: Die Wohnung befindet sich im dritten (gefühlter vierter) Stock, der Garten grenzt an eine Straße, auf der sogar 50 km/h erlaubt sind und dann stellte sich auch noch heraus, dass meine Rosa taub ist. Eine taube Katze, die Freigängerin ist, dafür werde ich wohl keine Mehrheit finden, aber egal, ich habe mich trotzdem dafür entschieden.
Die Entscheidung für den Freigang
Rosa war vom ersten Tag an, im Gegensatz zu ihrer Schwester Nuri ein kleiner Wirbelwind. Sie ist durch die Wohnung gerast und konnte vom Spielen gar nicht genug bekommen. Ich glaube für Rosa wäre es sehr schade, wenn sie ihr ganzes Leben in der Wohnung verbringen müsste. Nuri hingegen ist etwas ruhiger, hat aber die Angewohnheit uns morgens durch lautes Miauen und an der Tür kratzen zu wecken. Auch ihr möchte ich die Langeweile ersparen und die große, weite Welt eröffnen. Der Vermieter, der selbst im Haus wohnt, ist sehr katzenfreundlich und hat mir erlaubt mit den Katzen durch den Hausflur zu laufen und sie durch den Keller in Garten zu lassen.
Außerdem war der Freigang Voraussetzung für die Anschaffung der Katzen. Es war von Anfang an so geplant.
Die Vorbereitungsphase
Als Nuri und Rosa zu uns kamen, waren sie zwölf Wochen alt. Nach der Kastration, also mit knapp sechs Monaten sollten sie raus dürfen. Ich hatte also viel Zeit für die Vorbereitung. Zuerst habe ich mir eine Katzenklingel besorgt, einen Bewegungsmelder, der ein Funksignal an einen Empfänger in unserer Wohnung sendet, sodass es bei uns klingelt, wenn eine Miez vor der Kellertür steht. Nach einigen Wochen begann das Treppenhaus-Training mit den beiden Katzen. Sie sollten lernen schnell nach unten und wieder nach oben zu kommen. Schon früh haben sie die Angewohnheit entwickelt, die sie bis jetzt nicht abgelegt haben: Wenn die Wohnungstür geöffnet wird laufen sie bis zur ersten Treppenstufe, die Treppen betreten sie aber nur dann, wenn sie menschliche Begleitung haben. Ich bin also einige Stufen gelaufen und die Katzen hinterher. Behilflich war mir dabei ein Laserpointer, der anfangs wie eine unsichtbare Leine gewirkt hat. Irgendwann hatten wir das erste Stockwerk gemeistert und kurze Zeit später den ganzen Weg bis zur Kellertür. Für die Katzen war das natürlich schon super aufregend und es gab auch einige Rückschläge, z.B. wenn unerwartet die Nachbarin aus ihrer Wohnungstür kam und Nuri sich fürchterlich erschrocken hat und nach oben gerast ist. Dann saß die eine Katze oben und hat geweint und wenn ich zu ihr gelaufen bin, hat die andere unten angefangen zu schreien... Mittlerweile kennen die beiden das Treppenhaus in- und auswendig.
Der nächste Schritt war das Erkunden des Kellers - sehr aufregend! Bevor das erste mal die Tür nach draußen geöffnet wurde, sind fast zwei Monate Trainingsphase vergangen. Während Rosa sofort großes Interesse an der geöffneten Tür bekundet hat, war Nuri, wie immer, ein bisschen ängstlich. Kaum zu glauben, dass inzwischen sie die Katze ist, die den Freigang vehement einfordert. Als die beiden dann wirklich das erste mal draußen waren, hat es bei mir ganz schön gekribbelt. Nach zehn Minuten habe ich es nicht mehr ausgehalten und bin mit den beiden wieder rein.
Der Freigang
Die Katzen sollten abends und nachts die Möglichkeit haben raus zu gehen und tagsüber in der Wohnung bleiben. Zum einen, weil dann kaum Autos in der besagten Straße unterwegs sind, zum anderen weil die Autos nachts nicht nur Geräusche, sondern auch Licht von sich geben, sodass auch unsere taube Rosamaus die Autos wahrnehmen kann. Übrigens handelt es sich um eine Kopfsteinpflasterstraße, die den Boden erschüttern läasst, wenn ein Auto über sie fährt. Als weitere Sicherheitsmaßnahme tragen beide Katzen, zumindest für das erste Jahr, ein stark reflektierendes Halsband mit einem kleinen Adressanhänger.
Die Katzen wurden inzwischen kastriert und beide haben sich sehr vorsichtig verhalten. In den ersten Wochen war ich immer mit den Katzen gemeinsam draußen, zuerst für zehn Minuten, dann für eine halbe Stunde, schließlich habe ich bis zu eine Stunde mit den beiden im (nicht allzu großen) Garten verbracht. Rosa ist auf Bäume und noch lieber in Büsche geklettert, einmal musste ich sie aus einem Busch pflücken, als sie nicht mehr runter kam und irgendwann kam der Tag , als Rosa das erste mal den Garten verlassen hat. Sie ist über die kleine Mauer, die den Garten von der Straße trennt, gesprungen und hat sich unter einem parkenden Auto versteckt. Dann fing sie kläglich an zu maunzen. Ich habe sie zurück geholt, sie hat das gleiche Spiel nochmal gemacht und seitdem hat sie den Garten nicht mehr verlassen. Nuri lässt sie deutlich mehr Zeit mit der Welt außerhalb des Gartens, aber ich glaube sie wird irgendwann noch eine richtige, kleine Abenteurerin. Um Nuri mache ich mir gar keine Sorgen, sie hat Angst vor fremden Geräuschen und lässt sich auch nicht von fremden Menschen anfassen. Rosa ist da leider etwas sorgloser.
Es ist eine große Freude den beiden draußen beim Spielen und Erkunden zuzusehen. Sie jagen sich gegenseitig durch den Garten und jedes Insekt birgt eine große Faszination in sich. Es wird geschnuppert, Gras gefressen, entdeckt, dass man die Erde unter dem Gebüsch schön scharren kann und vielleicht sogar rein pinkeln darf, Käfer und Fliegen werden brutal ermordet, alles ist aufregend.
Der große Schritt
Der schwierigste Schritt war für mich, die beiden allein im Garten zu lassen, aber irgendwann habe ich es geschafft. Ich habe mich im Keller versteckt und die beiden heimlich beobachtet. Ich hätte damit gerechnet, dass zumindet Rosa anfängt zu schreien, wie früher im Treppenhaus, wenn sie mich nicht mehr gesehen hat... aber nichts da. Meine beiden, kleinen, großen Katzen kamen plötzlich ganz gut ohne mich zurecht. Ich habe also den Bewegungsmelder aufgebaut, bin nach oben gegangen und habe die Funk-Klingel eingeschaltet. Nur eins hatte ich nicht bedacht. Da sich die beiden ohnehin nur im Garten aufhalten, laufen sie natürlich ständig am Bewegungsmelder vorbei, was nicht heißen muss, dass sie wirklich rein wollen. Den Bewegungsmelder und die Katzenklingel habe ich nun vorerst in eine Ecke gestellt, sollte eine der beiden Katzen irgendwann anfangen richtige Touren zu machen, wird er wieder ausgepackt. Bis dahin gehe ich einfach nach einer bis zwei Stunden wieder nach unten und hole Nuri und Rosa wieder rein. Meistens kommen sie direkt, Nuri kommt spätestens wenn man sie ruft und Rosa, die vielleicht gerade in einen Busch geklettert ist, kommt, sobald sie mich sieht.
Die erste Maus
Eines späten Abends ging ich nach unten um die beiden wieder einzusammeln, beide saßen auch schon vor der Tür, doch sie schienen kein Interesse daran zu haben mitzukommen. Und dann sah ich, warum: Rosa hatte eine kleine, graue Maus im Maul und sah ziemlich stolz aus. Sie hat lange mit der bereit toten Maus gespielt und sie schließlich vollständig gefressen. Nuri wurde angeknurt, sobald sie sich näherte

. Ich muss zugeben, dass ich auch ein bisschen stolz war auf meine taube Mäusefängerin.
Der Ist-Zustand
Ich bin sehr froh die Entscheidung für den Freigang getroffen zu haben. Beiden Katzen geht es absolut gut damit und dass alles so hervorragend funktioniert, hätte ich mir nicht träumen lassen. Die beiden haben offenbar keinen großen Revieranspruch, sie wollen einfach nur die frische Luft genießen. Die vielen Treppen stellen kein Hindernis dar, nur ich muss damit klarkommen, dass ich die Stufen ein paar mal öfter laufen muss, aber das nehme ich gerne in Kauf. Meistens gehen wir das erste mal gegen 21 Uhr nach unten, um 23 Uhr gibt es Futter, da müssen alle wieder drin sein und nachts gehts dann nochmal für zwie Stunden raus. Ich muss meistens einmal pro Nacht aufstehen, aber da ich im Moment bis zum nächsten Studienbeginn im Oktober Leerlauf habe und nicht früh aufstehen muss, stört mich das nicht übermäßig. Es kommt auch vor, dass Nuri kurz hallo sagt, wenn ich sie reinholen möchte und dann wieder umdreht - auch ok, ich weiß dann, dass es ihr gut geht und komme nach einer Stunde wieder. Rosa kommt immer direkt mit nach oben.
In der Wohnung sind die Katzen jetzt deutlich ruhiger und ausgeglichener, die Party steigt im Garten. Ich hab weniger mit den Katzenklos zu tun und kann auch mal ganz entspannt mit Freunden einen Spieleabend machen ohne dass eine Katze alle Spielfiguren durch die Gegend kickt...
Nuri im Garten
Rosa im Garten
Rosa im Busch (sie hat nicht wirklich blaue Augen)